Vor Jahren (es war wohl 1994) hatte ich beim lateinamerikanischen Filmfest hier in München einen Film gesehen, der mich sehr beeindruckt und berührt hat. Nach langer Suche hab ich ihn nun wiedergefunden. Es gibt ihn zwar leider nicht auf DVD, und auch sonst nicht irgendwie zu kaufen, aber ich weiss jetzt zumindest wieder, wie er heisst, worum genau es geht, und wonach ich Ausschau halten muss, um ihn vielleicht doch irgendwann irgendwo mal wieder sehen zu können:
"Wir sind doch fein raus. Wir erleben spannende Abenteuer, oder?" Irgendwo in einem vollbepackten Überlandbus hoch oben in den Anden, abgebrannt und hungrig, versucht ein Vater, seinen Sohn mit dieser euphemistischen Lagebeschreibung ein wenig aufzumuntern. Auf eine Art hat er recht. Denn was Vater und Sohn, Carlos senior und junior, auf ihrer Reise von Buenos Aires quer durch den südamerikanischen Kontinent begegnet, könnte ohne weiteres Stoff für ein paar weitere INDIANA-JONES-Filme liefern. Illegale Grenzübertritte und Verhaftung, Höhenkrankheit und Kräuterhexen, ein indianisches Opferritual, Straßenschlachten und Guerillaüberfälle.
Doch die beiden sind auf der Flucht. In Argentinien herrschen die Generäle. Die Mutter des Jungen war im illegalen Widerstand aktiv. Als sie eines Tages von den Schergen des Regimes abgeholt und verschleppt wird, scheinen auch Sicherheit und Leben ihrer Familie in Gefahr. Mit ein paar Dollars und einer Kontaktadresse machen sich Vater und Sohn auf die langwierige und gefährliche Reise ins ferne Quito, wo eine Stelle in einer deutschen Firma eine Existenzmöglichkeit bietet.
Amigomio, so wird der kleine Carlos von seinen Eltern genannt. Sein Vater Carlos ist verunsichert, ein Fremder im eigenen Land. Mehrfach heimatlos: selbst Kind von Flüchtlingen, Sohn deutsch jüdischer Einwanderer ist er als Mittelstandssprößling sozial und als Nichtkämpfender politisch ein „Verräter" an der Sache des Volkes. „Verdammt, zu welcher Welt gehöre ich denn?" Für Carlos, den deklassierten Bürgersohn, wird die Reise - mit Eisenbahn, Autobus, LKW und zu Fuß - durch die Ebenen Argentiniens, die Gebirge Boliviens und Perus und den ecuadorianischen Urwald auch zu einer Reise in die sozialen und geistigen Wirklichkeiten seines Kontinents - und zu einer Suche nach der eigenen Identität. In teils realistischen, teils surrealen Begegnungen tritt Carlos die Geschichte und politische Realität Lateinamerikas gegenüber: In einem Bus debattieren Indianer den Haupt- und Nebenwiderspruch bezüglich der Rassenfrage. Hoch in den Anden, in der indianischen Bergarbeiter- und Silberstadt Potosi, die als Zentrum europäischer Ausbeutung und Symbol lateinamerikanischer Identität einen krisenhaften Höhepunkt der Flucht bezeichnet, trifft er auf einen Guerillero (ist es gar Che Guevara selbst?), der den kläglich an Höhenkrankheit leidenden Carlos sarkastisch mit den politischen Ansprüchen der Vergangenheit konfrontiert.
Immer wieder hat Jeanine Meerapfel, die selbst als Kind jüdisch-französisch-deutscher Emigranten in Buenos Aires aufgewachsen ist und seit vielen Jahren in Berlin lebt, in ihren Filmen die Erfahrung von Flucht und Fremde, von Identitätsverlust und historischem Gedächtnis beschrieben. Immer wieder auch hat sie gefragt, wie es möglich sein kann, zu leben mit der Geschichte, mit den Toten, mit der Verantwortung.
Das Schöne an AMIGOMIO - und das unterscheidet ihn von anderen Filmen der Regisseurin - ist, daß er sich diesen Fragen stellt, ohne ausufernde Metaphorik oder wortgewaltige Deklarationen zu bemühen und sich ganz auf die Geschichte, die Personen und die Bilder verläßt.
Kameramann Victor Gonzáles hat diese Bilder sehr argentinisch werden lassen, in ihrem scharf akzentuierten südlichen Licht und der sanften Bewegtheit sind sie fast schon zu schön und zu poetisch für eine solche Geschichte.
AMIGOMIO erzählt seine Geschichte in mehrfach gestaffelten Rückblenden und Erinnerungen. Am Ende, so erfahren wir da, haben die beiden es geschafft; mehr als das, im Exil ist eine Karriere gelungen, Carlos wirklich zu dem geworden, was er vielleicht schon immer war, ein Bourgeois. Ein Überlebender ist er, ein Sieger noch lange nicht. Das ist, was am meisten überzeugt an AMIGOMIO, daß er erinnert und benennt, was so oft vergessen wird: die Verluste, die das Überleben kostet - auch wenn man es gut meint. Von Moral zu erzählen, ohne zu moralisieren. Leicht ist das nicht. Hier scheint es gelungen.