Es war spannend im Dezember. Steine schienen endlich ins Rollen gekommen zu sein. Es haben sich tatsächlich einige Interessierte gemeldet, für den Ritt durch Südamerika. Natürlich meinen es nicht alle ernst, die Liste ihrer Ausreden, warum sie zwar gerne würden aber leider doch nicht können, ist lang, und ich kenne sie schon. Doch ein paar einzelne scheinen wirklich ähnliche Ideen zu haben. Und trotzdem passt es deswegen nicht unbedingt, die Treffen bringen darüber recht schnell Klarheit.
Und dann taucht ER auf. Von Anfang an ist da was. Vertrautheit. Nähe. Seelenverwandtschaft. Stundenlange Telefonate, mit einem Gefühl, des anderen Nähe trotz der Entfernung förmlich zu spüren, ohne überhaupt was sagen zu müssen. Sehnsucht. Vorfreude aufs Treffen. Spannung. Aber auch Vorsicht, Angst vor erneuter Enttäuschung. Denn das hier ist eine andere, völlig unerwartete Dimension.
Keine zwei Wochen später fahre ich in die Oberpfalz. Alles läuft irgendwie anders als geplant, aber es ist wunderbar. Wir verstehen uns auf Anhieb, und ich fühle mich wie angekommen. Eigentlich will ich so schnell gar nicht wieder weg, die zwei Tage sind zu kurz, vergehen viel zu schnell. Auch die Rahmenbedingungen scheinen optimal. Irgendwie passt alles, scheinbar. Mit einem guten Gefühl fahre ich also wieder zurück nach Hause. Und Silvester feiern wir zusammen, ein schönes, ausgelassenes Fest, ein gemeinsamer Start ins neue Jahr. Wenn das kein guter Anfang ist!! Erste Anzeichen, die schon darauf hinweisen, dass alles auch ganz anders sein könnte, schiebe ich beiseite, will ich nicht wahrnehmen. Will nicht länger misstrauisch sein. Lieber beginne ich wirklich daran zu glauben, den roten Faden in meinem Leben wieder gefunden zu haben. Die richtige Begegnung zur rechten Zeit am rechten Ort. Ja, das ist es, es muss so sein...
Doch die Freude währt nicht lange. Es ist ja auch fast zu schön um wahr zu sein. Er meldet sich kaum noch, geht nicht mehr ans Telefon, und wenn ich ihn erreiche, ist er nur kurz angebunden und abweisend. Ich vermisse seine ursprüngliche Wärme und Herzlichkeit. Natürlich merke ich, dass da was nicht stimmt. Aber auf meine direkten Fragen bekomme ich keine Antwort, keine ehrliche zumindest. Ich werde vertröstet mit Ausreden. Stress, viel um die Ohren, hat angeblich alles nix mit mir zu tun, Rückrufe werden versprochen, kommen aber nie… Zu lange lasse ich mich noch hinhalten, höre nicht auf meinen Stolz, der mir eigentlich längst verbietet, immer noch auf ihn zuzugehen, denn die Hoffnung und der Glaube an die Ehrlichkeit und das Gute im Menschen stirbt immer zuletzt.
Heute aber, ziemlich exakt einen Monat nach der ersten Begegnung, musste sie endgültig aufgeben. Und ich musste einsehen, dass ich mal wieder zu früh vertraut habe. Ich bekomme noch nicht mal ne offene Absage. Er glänzt einfach nur durch Abwesenheit, Ignoranz, Gleichgültigkeit und Schweigen. Kein Anruf, keine Antwort auf mein email, noch nicht mal eine SMS. Einfach davon gestohlen. Wie wenn jemand zum Zigarettenautomaten geht, und nicht wiederkommt… Das tut weh, verdammt weh!! Schmerzen, wie mit Füssen getreten.
Wenn ich mich getäuscht hab, und er doch nicht dasselbe fühlt wie ich - das ist ok. Wenn er es sich anders überlegt hat, die Geschichte mit dem Ritt ihm jetzt doch zu reell, oder zu gross wird - das ist auch ok. Aber man sollte doch wenigstens Manns genug sein und dazu stehen, und es ehrlich mitteilen. Ist das zuviel verlangt, heutzutage??? Ist das die Art und Weise, wie man miteinander umgeht? Was ist aus unseren Werten geworden, wo bleibt der Anstand, der Respekt, oder die Rücksicht? Geht es wirklich nur noch um den eigenen Spass, wollen alle nur noch spielen, ungeachtet dessen, was man dem anderen damit antut?? Und selbst wenn, gerade heutzutage macht einem die Technik das Ende doch eh schon so leicht, wenn das Spiel dann langweilig oder nervig geworden ist. Auch wenn eine Abfuhr per SMS armselig und schäbig wäre, so ist sie doch allemal besser als gar nichts! ...
Woran soll ich glauben? Was ist hier bloss geschehen? Waren die Erwartungen zu hoch? Wollte ich, oder wollten wir vielleicht beide zu schnell zu viel auf einmal? Waren wir zu ungeduldig, hätten wir uns beide mehr Zeit geben sollen??... Es bleiben 1001 Theorien, 1001 Hypothesen, 1001 offene Fragen, die ich jetzt unweigerlich in meinen Katalog der Fragen ohne Antwort ablegen muss (frei nach Laura Esquivel, aus "Bittersüsse Schokolade"). Und trotzdem zieht mich das Telefon fast magnetisch an, weil mein Innerstes nach Antworten schreit. Weil es immer noch nicht glauben will, dass alles nur eine Illusion war. Es fällt schwer, stark zu bleiben und diesem verzweifelten Verlangen nicht nachzugeben, einfach nach dem Hörer zu greifen, anzurufen, und vielleicht zu hören, ob nicht doch noch was kommt, irgendwas...
Na gut, wer hoch fliegt und nach den Sternen greift, riskiert nun mal, tief zu fallen. Ich musste schliesslich mit Enttäuschung rechnen. Das war mir durchaus bewusst, und ich dachte, damit umgehen zu können. Aber das hier, das ist ein noch viel härterer und blutiger Aufprall. Mit klaffender Wunde und traurigem Erwachen. Es ist jenseits meines Vorstellungsvermögens vom "worst case". Es geht an die Substanz, weil es auch an meinem Weltbild rüttelt. Sicher, ich bin wieder um eine Erfahrung reicher. Aber die Seele wird einen Abdruck behalten. Und zurück bleibt vorerst nur Leere, Trauer, Schmerz, Einsamkeit, Kälte, Desillusion, Unbegreifen, Zweifel, Hoffnungslosigkeit, Ziellosigkeit… Soll ich überhaupt noch weiter machen? Oder verrenne ich mich in eine Sackgasse? Sollte ich mich nicht doch besser an der Masse orientieren und mit ihr mit schwimmen, statt einem Traum nachzujagen, der ausserhalb jeglicher Reichweite ist?? Weil ich dabei gezwungen bin darauf zu warten, dass andere mir Kränze flechten (Kelly Priest). Weil ich selber keinen Einfluss darauf habe. Und man aber verlassen ist, sobald man sich auch auf jemand anders verlassen will, oder auch nur einlässt…