Nachdem ich den Mittwoch aufgrund des vorausgesagten schlechten Wetters noch unentschlossen zuhause versandelt habe, fahre ich also am Donnerstag spontan nach Oberstdorf. Eigentlich möchte ich dort an einem 2-tägigen Kanukurs teilnehmen. Vor Ort stellt sich aber leider raus, dass der wohl mangels weiterer Teilnehmer ausfallen wird.
Hmmm, was nun? Am Frühstückstisch in der Pension, wo ich zum Glück noch ein schnuckeliges kleines Zimmer bekommen habe, hat man schon das richtige Alternativprogramm für mich: „Fahren Sie doch einfach mit der Seilbahn hoch, so wie wir, oben haben Sie jede Menge Wege, alles wunderbar geteert, da können Sie schön wandern, und ohne dass Sie steigen müssen! Wunderschön, herrlich!!" – Na prima. Ich halte es in dem Moment für besser, nicht zu sagen, was ich tatsächlich denke.
Jedenfalls, das Wetter ist nicht so schlecht, ganz leidlich, und es soll trocken bleiben. Keine allzu schlechten Voraussetzungen also, um zur Fiderepasshütte und weiter über den Schüssen zu laufen. Meinen Entschluss, alles zu Fuss zu machen verwerfe ich allerdings doch recht schnell, als ich an der Talstation der Fellhornbahn ankomme und an der riesigen Baustelle entlang nach oben blicke. Vielleicht sollte ich wirklich den Rat meiner Tischnachbarn beherzigen und den schnelleren und komfortablen Weg wählen. Ok, ich zwänge mich also wie alle anderen in die volle Gondel.
Ist es nicht paradox, dass man jede Menge Geld bezahlt, um mit der Bahn schnell jene Etappe zu überwinden, die aber erst durch eben jene Bahn, für die man jetzt bezahlt, so unattraktiv und trist geworden ist, dass man sie möglichst schnell hinter sich lassen möchte?!
An der Mittelstation steige ich aus, ab hier gibt es einen wunderschönen, herrlichen Lehrpfad, an dem in regelmässigem Abstand wunderschöne, herrliche, nagelneu blitzende, hypermoderne und sicher witterungsbeständige stählerne Schaukästen aufgestellt sind, die den werten Gästen, die sich auch heute zahlreich hier tummeln, die Natur näher bringen sollen. Immerhin, sie lenken die Aufmerksamkeit des Besuchers derart ab, dass man die Sessellifte und die Schipisten, die man kreuzen muss, kaum noch wahr nimmt.
Nach kurzer Zeit zweigt endlich links vom Hauptweg ein kleinerer Weg Richtung Fiderepasshütte ab. Hier trennen sich die Wege der Tagestouristen von denen der Bergwanderer. Alleine bin ich zwar immer noch nicht, aber das Feld lichtet sich deutlich und es wird ruhiger. Die Hütte selbst ist aber noch ganz ordentlich besucht. Mag sein, dass das daran liegt, dass ich gerade zur Mittagszeit hier ankomme, und dass mittlerweile die Sonne sich hat durchsetzen können. Dass all die Leute auf den Mindelheimer Klettersteig wollen, bei dessen Anblick von unten von der Hütte aus betrachtet mir bereits schlecht wird, kann ich mir kaum vorstellen. Ist mir aber auch egal. Auf den Schüsser jedenfalls wollen sie auch nicht, da bin ich dann wirklich fast ganz alleine unterwegs. Der Anstieg ist aber auch ganz ordentlich, sodass ich eigentlich schon ganz froh bin, hier nicht absteigen zu müssen. Allerdings nur so lange, bis ich etwa auf halbem Weg doch noch jemandem begegne, der mich dabei vorsichtig darauf aufmerksam macht, dass die andere Seite noch weitaus felsiger und steiler sei, und mit einem Schlag meine Hoffnung auf einen leichteren Abstieg zunichte macht. Besorgt will er dann noch wissen, ob ich denn wohl klettern könne. Auch das noch!! Scheisse!!!
Zurück will ich jetzt aber auch nicht mehr. Wenigstens will ich es mir doch mal anschauen. Immerhin, das Panorama vom Gipfel aus entschädigt für alle Mühen. Jetzt muss ich nur noch schauen, wie ich wieder runterkomme. Weia, ganz schön steil und felsig, wie der Bergkamerad schon gesagt hat. Ich komm ganz schön ins Schwitzen, und bin heilfroh, als ich endlich den flacheren Sattel erreiche.
Den restlichen Weg zurück zur Fellhornbahn hab ich unterschätzt, es zieht sich ganz schön, und angesichts der fortgeschrittenen Tageszeit würde ich dann doch lieber wieder mit der Bahn zu Tal fahren. Als ich den Abzweig erreiche, wo es links zur Bergstation und rechts zur Talstation geht, muss ich erkennen, dass ich es nicht rechtzeitig zur letzten Talfahrt schaffen werde, und muss den Fussmarsch antreten. Angegeben sind 2 ¾ Stunden, es ist halb fünf. Das würde bedeuten, es wird längst dunkel sein, bis ich unten ankomme. Da ist auch die Aussicht auf Vollmond nur ein schwacher Trost, wer weiss schon, ob das Wetter wirklich hält, schliesslich soll es umschlagen und es soll morgen sogar Schnee geben. Also beeil ich mich, und schaffe den Abstieg schlussendlich in gut 1,5 Stunden. Der hat mir dann aber auch vollends den Rest gegeben, knieabwärts tut mir alles weh, die Knie, die Waden, die Knöchel, die Fussballen, und in der Pension angekommen falle ich nach einer kurzen wohltuenden Dusche nur noch ins Bett.
Am nächsten Morgen bin ich daher gar nicht so traurig über den Regen, der inzwischen eingesetzt hat, und erst recht nicht über den ausgefallenen Kanukurs. Ich könnte mich sowieso nicht bewegen. Bei dem Wetter bleibt einem nicht viel übrig, als das übliche Pflichtprogramm zu absolvieren: ich lasse mich durch die Breitach-Klamm schleusen. Was soll ich sagen? Eigentlich ganz nett. Für meine Begriffe aber zu überlaufen, zu sehr erschlossen, zu leicht zugängig gemacht. Dadurch büsst das Naturschauspiel doch sehr viel ein von seinem ursprünglichen Reiz, seiner Kraft und seiner Macht. Im Winter mag es wirklich noch sehr schön sein, wenn die Felsen von Eiszapfen eingenommen werden.
Der Anruf von Thomas reisst mich aus meinen Gedanken. Er ist inzwischen auch in Oberstdorf angekommen, und wird am Eingang der Klamm auf mich warten. Prima! Wir fahren zusammen nach Fischen, wo wir im Wald die Vögel und Eichhörnchen füttern. Naja, letztere sind wohl schon sehr verwöhnt, sie schnuppern nur mal kurz, verschmähen dann aber unsere extra für sie gekauften Erdnüsse. Umso mehr freuen sich die Lamas, die in der Nähe weiden, so bleibt mehr für sie übrig. Sie wollen uns gar nicht mehr weg lassen, bis die Tüte ganz leer ist.
Am Abend ist Wellness angesagt in der Therme von Oberstdorf. Vielleicht bin ich dann morgen wieder fit, das Wetter soll ja auch wieder besser werden.
Und tatsächlich, morgens schon blauer Himmel. Meine Beine sagen zwar eigentlich immer noch nein, aber sie werden einfach nicht gefragt. Der Bus zurück Richtung München geht leider schon um 15.40, eine grosse Tour ist da nicht mehr drin, aber immerhin noch ein schöner Abstieg vom Nebelhorn aus (da lob ich mir dann doch wieder die Seilbahn, wenn es sie schon gibt!) an den Geissalpseen vorbei ins Tal, bei prächtigem Wetter. Am Geissfusssattel geniessen wir einfach nur das Panorama, und überhören geflissentlich das Live-Konzert irgendeines Blasorchesters, das von der Gipfelstation herüberschallt. Zu meiner Überraschung packt Thomas dann noch einen Kuchen aus, den er vorher noch extra selber gebacken hat! Köstlich!! Da ist es kein Wunder, dass wir insgesamt doch etwas länger brauchen als die veranschlagten 5 Stunden. Ein schöner Abschluss für ein doch noch recht gelungenes Wochenende, da macht es auch gar nichts, dass ich am Ende meinen Bus verpasse.
Jetzt fragt mich bitte bloss nicht, wann ich denn das nächste Mal wieder Tango tanze. Das dauert gezwungenermassen noch ein paar Tage...